Projektbesuch in Athen – „You make me feel like I am alive again.“

Ein Bericht von Katja Walterscheid, Februar 2026

Am 8. Februar bin ich nach Athen gereist, um unsere neuen Caseworkerinnen einzuarbeiten. Es ist Sonntag, als ich in Athen ankomme. Die Temperaturen liegen bei 17 Grad. Es regnet immer wieder, die Nächte sind kühl. Zu kalt, zu nass für die Menschen, die auf der Straße leben müssen. Das sind auch viele der Menschen, die aus Deutschland abgeschoben werden.

Am Montag treffe ich zuerst unsere neuen Caseworkerinnen. Renia und Vasiliki, Caseworkerinnen just humanVasiliki ist Sozialarbeiterin, Renia Soziologin, beide haben viel Erfahrung in der Unterstützung von Geflüchteten. Ganz frisch, neugierig und tatendurstig wollen sie alles über just human, unsere Projekte und die Menschen wissen, die wir unterstützen. Später kommt Kalliopi, unsere bisherige Caseworkerin, dazu. Sie möchte ihren Ruhestand beginnen, aber vorher alles gut versorgt wissen. Ausführlich beantwortet sie Fragen und übergibt ihre Aufzeichnungen. Sie ermutigt Renia und Vasiliki, sie jederzeit anzurufen, wenn sie Unterstützung wollen.

Abends schickt Farid*, ein iranischer LSBTIQ+-Geflüchteter, mir eine Sprachnachricht. Er ist schon lange in Kontakt mit uns, hat vor einigen Monaten Arbeit gefunden und es ging ihm zunehmend besser. Jetzt lässt ihn die Situation in seinem Heimatland nicht schlafen, seine eigenen traumatischen Erlebnisse quälen ihn wieder. Er hat die Arbeitsstelle verloren und er ist verzweifelt. Seine Bitte: finanzielle Hilfe für die Miete, ein Gespräch und Unterstützung bei der Jobsuche. Ich schreibe lange mit ihm an diesem Abend. Vasiliki bietet ihm am nächsten Tag ein erstes Treffen an.

Am Dienstag bin ich mit Danai von der Caritas Athen verabredet. Sie ist Renia und Danai planen Termine für die Kooperation.Koordinatorin unseres gemeinsamen Projekts für zurückkehrende und abgeschobene Geflüchtete aus Deutschland. Erste Männer, Frauen und Familien haben sich schon an die Caritas gewandt. Noch ist nicht klar, wie viele Menschen Unterstützung brauchen werden. Beim Finden einer Unterkunft, für den Lebensunterhalt, bei der Suche nach Arbeit, der Integration in Griechenland. Gefördert von der Stadt Stuttgart haben just human und die Caritas Athen im Dezember begonnen, Menschen über das neue Angebot zu informieren und Hilfe bei der Caritas Athen anzubieten: Beratung, Vermittlung, auch praktische Hilfe. Was wir gemeinsam schaffen konnten, ist eine erste Anlaufstelle für die oft verzweifelten Menschen.

Ein großes Problem sind fehlende Unterkünfte. Oft ist nur in  Obdachlosenheimen, ein Schlafplatz zu finden. Doch dafür brauchen Erwachsene und Kinder medizinische Atteste. Sie dürfen keine Hautkrankheiten oder Parasiten haben und sie müssen psychisch stabil genug sein, um mit anderen in Enge zu leben. Zwei Atteste als Bedingung für ein wenig Schutz. Danai berichtet, dass es oft zwei bis drei Monate dauert, bis Menschen diese Atteste erhalten. Monate ohne Unterkunft.

Ein erstes Ergebnis meines Projektbesuchs ist, dass wir Notunterbringung anbieten müssten, um sofortigen Schutz zu ermöglichen. Aber wie sollen wir das finanzieren?

You make me feel like I am alive again.

Übernachtungen auf der Straße, in Parks oder Unterführungen, sind nicht nur kalt, sie sind auch gefährlich. Besonders für Frauen. Das wird Thema, als ich am Mittwoch mit Renia und Vasiliki zwei Frauen besuche, die an unserem Projekt „Schutz und Unterstützung auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben“ teilnehmen.

Samira* musste nach ihrer Anerkennung als Flüchtling das Camp verlassen. Sie war obdach- und mittellos, übernachtete im Park und wurde dort vergewaltigt. Ohne Hilfe lebte sie danach noch mehrere Monate auf der Straße, bis sie im Januar von just human erfuhr und uns eine Nachricht schickte. Kalliopi organisierte Nothilfe und wir brachten sie in Kontakt mit Orlette*, die seit Dezember an dem Projekt von just human teilnimmt. Beide Frauen sind aus Sierra Leone geflohen, beide sind als Flüchtlinge anerkannt.Kind einer Projektteilnehmerin Und sie verstanden sich sofort. Gemeinsam baten sie deshalb den Vermieter, das zweite Zimmer in Orlettes Wohnung, das Anfang Februar frei wurde, an Samira zu vermieten. Die Miete für beide Frauen und für Orlettes 18 Monate alten Sohn trägt aktuell just human. Unterstützt von Kalliopi ist Samira 5 Tage vor unserem Besuch in ihr Zimmer eingezogen. Sie wirkt sehr erschöpft, freut sich aber, dass wir kommen. Im Gespräch erfahre ich, dass sie – im sechsten Monat schwanger – noch nicht ärztlich untersucht wurde. Renia bietet ihr Hilfe bei der Terminvereinbarung für eine Schwangerschaftsuntersuchung an, die sie gerne annimmt.

Orlette berichtet uns über ihre Suche nach einem Job und nach Kinderbetreuung. Bevor wir gehen macht auch sie mit Renia einen Termin für die kommende Woche aus.

Danach spreche ich im Büro mit Renia und Vasiliki über den Besuch bei den Frauen und die nächsten Schritte. Samira braucht neben medizinischer Versorgung auch psychologische Begleitung und könnte evtl. bald an einem Sprachkurs teilnehmen. Für Orlette ist es wichtig, mehr über Fort- und Ausbildungsmöglichkeiten zu erfahren. Dann kann sie entscheiden, was ihr Ziel sein soll. Mit einer beruflichen Qualifikation haben die Frauen gute Chancen, eine feste Arbeit mit regulärem Arbeitsvertrag zu finden. Zudem möchten wir Orlette einen weiteren Griechischkurs empfehlen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

Noch während wir sprechen, erreicht mich eine WhatsApp von Samira. Sie schreibt: Thanks so much appreciated for the accomodation. You make me feel like I am alive again.

Schutz und Unterstützung auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben

Donnerstag treffen wir uns beim FAYI Freeshop, den just human gemeinsam mit fünf Partnerorganisationen betreibt. Renia und Vasiliki lernen Anastasia kennen, die den Shop leitet, und erfahren alles über die Abläufe und das Anmeldesystem.

Nachmittags und abends besuchen wir drei weitere Frauen, die am Projekt „Schutz und Unterstützung auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben“ teilnehmen. Schnell wird deutlich, was die Herausforderungen und Aufgaben sein werden. Eine Frau hat die Jobsuche wegen einer Schwangerschaft unterbrochen. Jetzt ist ihr Baby acht Monate alt. Sie will dringend Arbeit finden – und Kinderbetreuung für den kleinen Brian* suchen. Eine andere berichtet, dass sie Arbeit gefunden hat. Sie will mit ihrer Tochter nun selbständig leben. Beide Frauen wird Vasiliki unterstützen bzw. den Abschluss des Projekts für die Frau begleiten. Eine dritte Frau ist mit Ausbildung und Job beschäftigt, die Kinderbetreuung für ihre 2jährige Tochter funktioniert gut. Sie berichtet über die aktuelle Situation und zeigt uns stolz ihr Zwischenzeugnis. Ein besonderes Anliegen hat sie nicht.

Am Freitag bin ich mit Renia und Vasiliki in einem Café verabredet. Wir wollen noch einmal die verschiedenen Aufgaben besprechen. Vasiliki ist sehr aufgeregt, weil sie am Nachmittag ihre Masterthesis verteidigen wird. Sie verabschiedet sich deshalb bald.

Renia und ich besuchen gemeinsam mit einer Übersetzerin Besuch bei einer Projektteilnehmerinund mit Kalliopi eine Frau aus dem Projekt “Maison Charlotte“, deren erster Asylantrag abgelehnt wurde. Mitte März ist ihre nächste Anhörung geplant. Mit Hilfe der Übersetzerin sprechen wir über das weitere Vorgehen, so wie es ihre Anwältin empfohlen hat. Obwohl Camille* von der UN als Opfer von Menschenhandel unter besonderen Schutz gestellt wurde, hat Griechenland ihr und ihrem Sohn im Asylverfahren die Anerkennung als Flüchtling verweigert. Die Chancen, dass der Widerspruch erfolgreich ist, sind nach Einschätzung der Anwältin groß. Camilles Angst wird erst nachlassen, wenn die Anerkennung erreicht ist. Hoffnungsvoll fragt sie, ob wir ihr dann auch bei der Suche nach Arbeit helfen. Und Renia sagt ihr das gerne zu.

Später erreicht uns eine Nachricht von Vasiliki, die ihren Masterabschluss feiert. Wir freuen uns mit ihr und wünschen uns, dass Mitte März auch Camille feiern kann.

Auf der Rückreise am Samstag hoffe ich, dass Renia und Vasiliki weiter gut bei just human ankommen. Und ich denke an all die Not und an die Hoffnung, von der ich erfahren habe.

(* Namen geändert)